Heute vor 21 Jahren ermordete der Neonazi-Skinhead Sven Schröder, damals Kahlin, den Punk Thomas Schulz. Der Täter, der Schulz mit einem Messer ersticht, ist zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt. Bereits zuvor war er durch Gewalttaten aufgefallen. Der Mord verweist damit auch auf ein Phänomen, dass aktuell wieder vermehrt diskutiert wird: junge, teils minderjährige rechte Gewalttäter:innen.
Die Beispiele, die die aktuelle Debatte befeuern sind zahllos. Nur einige Schlaglichter sind etwa in Dortmund der Angriff auf die Hirsch-Q Ende Mai letzten Jahres oder die Proteste inkl. Angriff am Rande des Dortmunder CSDs 2024, wie es sie in ähnlicher Form auch in vielen weiteren Städten gab. Für die öffentliche Aufmerksamkeit dürften vor allem auch die Razzien gegen rechte Strukturen sein, denen beispielsweise die Vorbereitung von Gewalttaten und rechtem Terror vorgeworfen wird und die in den letzten Jahren auch immer wieder rechte Jugendliche betrafen. Hinzu kommen etwa junge Beschuldigte von Angriffen auf Parteivertreter:innen während der letzten Wahlkämpfe.
Dass eine hohe Gewaltbereitschaft des Szenenachwuchses grundsätzlich nicht neu ist, zeigt neben dem Mord an Thomas Schulz ein Blick auf die Wellen an Gewalttaten während der sogenannten Baseballschlägerjahre der 90er oder in Dortmund etwa zur Zeit der Autonomen Nationalisten in den 00er Jahren. Auch damals schon waren es häufig Jugendliche und junge Erwachsene, die als Neonazis losprügelten. Und noch vor wenigen Jahren scharte der Gewalttäter Steven Feldmann junge Männer im Stil einer Schlägerbande um sich.
Die Frage, warum junge Rechte Gewalt ausüben, ist nicht vollständig zu beantworten. Zum einen wäre bereits zu unterscheiden zwischen denen, die neu in die rechte Szene kommen und jenen, die bereits in rechte Elternhäuser geboren wurden und nicht nur bereits im Sinne der Neonazis erzogen wurden, sondern die Vorbilder für rechte Gewalt mitunter in der eigenen Familie haben. Zum anderen ist festzuhalten, dass Gewalt und der Appell, diese gegen missliebige Personen und Gruppen einzusetzen, in extrem rechter Ideologie immer bereits angelegt ist. Diese generelle Tendenz verschärft sich, einerseits wenn Rechte das Gefühl haben, Vollstrecker:innen eines vermeintlichen “Volkswillens” zu sein, diejenigen, die das tun, was eigentlich alle anderen auch wollen. Und andererseits, wenn insbesondere in Krisen die ohnehin vorhandene Überzeugung um sich greift, sich im existenziellen Abwehrkampf gegen äußere und innere Feind:innen zu befinden. Beide begünstigenden Umstände finden wir auch aktuell vor mit einer Regierungspolitik, die nicht nur die multiplen Krisen und die sich verschärfende Konkurrenz um den gesellschaftlichen Wohlstand nicht solidarisch beantworten kann, sondern im Gegenteil rassistische und sozialchauvinistische Ressentiments aktiv mitschürt.
Zudem legt die extreme Rechte es genau darauf an. Sie mobilisiert Anhänger:innen in Milieus und Subkulturen, die sie für gewaltbereiter und -fähiger hält – beispielsweise im Sport. Sie bindet junge Menschen aktiv an sich mit Angeboten wie dem monatlichen Heimatabend. Sie betreibt die Schulung in und Vorbereitung auf Straßengewalt mit Kampfsporttrainings und stellt einen organisatorischen Rahmen, der rechte Gewalttaten bgünstigt, ihren Täter:innen Anerkennung und Auffangstrukturen verspricht. Die Jugendcliquen um einen Steven Feldmann von gestern sind die um einen Nico Wille oder Niklas Busch von heute.
Um eines klarzustellen: Die Bereitschaft, politische Gegner:innen oder andere, als Zielscheibe markierte Personen anzugreifen und dabei auch besondere Brutalität an den Tag zu legen, ist keineswegs das reine Jugendproblem, zu dem der gesamte Neonazismus jahrelang erklärt wurde. Das gilt weder für die Gewalt, noch für die Ideologie dahinter. Auch erwachsene und noch ältere Rechte werden immer wieder gewalttätig und geben ihr Wissen an neue Generationen weiter. Das Problem auf die Jugend zu reduzieren, greift heute zu kurz, so wie es auch früher immer schon zu kurz gegriffen hat.
Dennoch bleibt festzuhalten, dass eine explosive Mischung entsteht, wo gewachsene Strukturen der extremen Rechten auf eine verbreitete rechte Stimmung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen und damit verbundene Selbstermächtigungsfantasien und Co. trifft.
Für Antifaschist:innen heißt das, dass es gilt, wachsam zu bleiben, die rechten Strukturen anzugreifen, die Gewalttaten ermöglichen und begünstigen, Rechten keine Ruhe zu lassen und den vermeintlichen Drift nach rechts zu brechen. Und nebenbei die autoritäre Formierung in Politik und Gesellschaft zu bekämpfen, die seine Hintergrundmusik liefert. Kurzum: Alles zu tun, um rechte Gewalt unmöglich zu machen.
Kein Fußbreit den Faschist:innen!
In Gedenken an Thomas Schulz und alle anderen Opfer rechter Gewalt!






