Veranstaltung: Von Hoyerswerda bis Heidenau – Comeback der 90er?

antifasupportsrefugeeswelcome2Mittwoch, 16.09.2015, 19:00 Nordpol

Für eine Veranstaltung zu rassistischen Pogromen in den 1990er Jahren konnten wir einen Referenten gewinnen, der damals schon in Antifa-Zusammenhängen aktiv war und sich daran beteiligt hat, dem Mob etwas wirksames entgegenzusetzen. Ziel der Veranstaltung ist es, den historischen Rückblick auf die 1990er Jahre zu nutzen, um zu einer klareren Analyse der heutigen Situation zu kommen. Nach dem Vortrag möchten wir mit allen über Ähnlichkeiten und Unterschiede zu damals ins Gespräch kommen und vor allem über wirksame Interventionsmöglichkeiten ins Gespräch kommen.

Hier der Ankündigungstext des Genossen:

Wo wart ihr in Rostock, wo seid ihr jetzt?
Vortrag über die rassistischen Pogrome der 90er Jahre und Parallelen zu heute.
Ein Antifa Aktivist zieht Bilanz.

„Wo wart ihr in Rostock?“
schrien Antifas nach dem Pogrom in Rostock 1992 der Polizei entgegen. Selbst der Polizei hatte ich nicht zugetraut, dass sie tatenlos zusieht, wie ein bürgerlicher und faschistischer Mob ein Haus mit vietnamesischen VertragsarbeiterInnen anzündet. Die Erlebnisse rund um Rostock haben mich geprägt, ich wollte nicht Zuschauer bei der rassistischen Hatz auf Flüchtlinge sein.

Ich bin kein Historiker oder Gelehrter, der hinter dicken Büchern die Gesellschaft analysiert. Deswegen sind meine Erinnerungen subjektiv und emotional. Schließlich konnte und kann ich diese Zeit nicht vergessen. Schmerzlich habe ich gemerkt, wie diese Zeit mich geprägt hat. Seit 1990 sind ca. 190 Menschen aufgrund rassistischer oder antisemitischer Gewalt getötet worden. Neben diesen offensichtlichen Barbareien von (Neo-)Nazis war aber auch die unerträgliche politische Situation ein Grund, sich zu wehren. Der aufkeimende Nationalismus der 90er Jahre und das „wir sind wieder wer“-Gehabe mit Reichskriegsflaggen auf öffentlichen Plätzen und in Stadien zeigten die Stimmung der Bevölkerung. Die bürgerlichen Medien übernahmen Symboliken und Inhalte von Rechtsaußen-Parteien.

Der Faschismus war in der Mitte der Gesellschaft angekommen und das hielt ich nicht aus. Ich musste etwas tun. Niemand war vorbereitet auf diese Situation, aber es fanden sich auch Andere, die mitmachten und dem Unerträglichen eine Ende setzen wollten. Es waren sehr unterschiedliche Menschen, die ich kennengelernt habe, die Flüchtlingen geholfen haben, Nachtwachen in Flüchtlingsheimen übernommen haben oder einfach mal Zivilcourage gezeigt haben, weil sie es nicht mehr aushielten – Christen, Ausländerkids, aber auch der ein oder andere Spießbürger, der sich diesen nazistischen Wahnsinn nicht gefallen lassen wollte. Aber insbesondere auch die Geflüchteten wehrten sich gegen die Angriffe. Dies waren die beeindruckensten Momente in der antifaschistischen Selbsthilfe. Aus ihren Ländern vor politischer Verfolgung geflohen, wehrten sie sich massiv gegen den braunen Mob. Diese Gesellschaft hat viel verdrängt und eine Aufarbeitung hat es nie gegeben. Die Brandstifter von damals sind zum Teil immer noch in rechten Organisationen aktiv. Die geistigen Brandstifter aus Politik und Wirtschaft sitzen in hohen Ämtern, werden geehrt und gefeiert, als hätte es das alles niemals gegeben.

„Die geschichtlichen Tragödien wiederholen sich nicht oder höchstens als Farce.“ (Karl Marx)

“Wo sind wir jetzt?”
Heute findet der NSU Prozess in der allgemeinen Medienlandschaft nur noch wenig Interesse. Es gleicht einer Posse, dass rechter Terror weiterhin verharmlost, vertuscht und von gesellschaftlichen Institutionen unterstützt und gefördert wird.

Nachdem tausende Menschen durch ein menschenverachtendes Handeln der EU im Mittelmeer ertrunken sind, erscheint eine von der Bundesregierung ausgerufene Willkommenskultur wie ein Heiligenschein aus Pappmaché. Es geht um Verwertung, nicht um Menschlichkeit.

Pogrome und brennende Flüchtlingsheime gibt es, die Polizei ist erst dann da, wenn Linke dagegen demonstrieren. Zu vermitteln, dass das keine Zufälle sind, wird unsere Aufgabe sein.

Die Hilfsbereitschaft der BürgerInnen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein weißes totes Kind, das am Strand angespült wird, mehr Aufmerksamkeit und Betroffenheit hervorruft, als eins mit dunkler Hautfarbe. Es sorgt nicht nur die Bild-“Zeitung” dafür, rassistische Ressentiments zu verbreiten, viele tun dies innerhalb der sozialen Netzwerke und blasen ins gleiche Horn.

Wie wir diese Menschen gewinnen können, mit uns den braunen und bürgerlichen Mob von der Straße zu fegen, bleibt mir ein Rätsel, wenn wir weiterhin in den Spiegel schauen wollen, ohne zu kotzen.

Eine Veranstaltung von Stefan Stulpe und der Autonomen Antifa 170 mit solidarischer Unterstützung der ANTIFA Bonn/Rhein-Sieg

Gefördert vom Forum gegen Rassismus – Campus Dortmund

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