Fall Lübcke: Mutmaßlicher Mörder mit Verbindungen in Dortmunds Naziszene

Robin Schmiemann (links) und William Browning (mitte) von Combat 18 auf einer Demonstration

Robin Schmiemann (links) und William Browning (mitte) von Combat 18 auf einer Demonstration (Quelle: Belltower News)

Der Tatverdächtige im Mordfall Lübcke ist ein Neonazi. Seine Beteiligung am Überfall von Neonazis auf die DGB-Demo zum 1. Mai 2009 und seine Verbindungen zur rechtsterroristischen Gruppierung Combat 18 stellen einen Bezug zur Dortmunder Naziszene her.

Wie die Tagesschau und andere Medien berichten, soll der Neonazi Stephan E. den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke begangen haben. Der Täter ist kein Unbekannter: Bereits vor 10 Jahren wurde er beim Überfall mehrerer hundert Nazis auf die Demo des Dortmunder DGB zum 1. Mai festgenommen. 400 Neonazis zogen damals – organisiert vom „Nationalen Widerstand Dortmund“ (NWDO) – ohne Anmeldung durch die Dortmunder Innenstadt und griffen Teilnehmende der DGB-Demo an. Der NWDO wurde schließlich im August 2012 verboten, nachdem seine Mitglieder in den Folgejahren zahlreiche weitere schwere Gewalttaten begangen hatten. Verschwunden sind die Neonazis in Dortmund deswegen jedoch nicht. Unter neuem Namen machen dieselben Kader in der Partei „Die Rechte“ bis heute regelmäßig wegen Übergriffen auf Menschen, die nicht in ihre Ideologie passen, Schlagzeilen.

Wesentlich brisanter sind die Verbindungen zur rechten Terrorgruppe „Combat 18“, über die E. verfügen soll. Combat 18 (auch: C18) versteht sich als bewaffneter Arm der verbotenen Rechtsrock-Vereinigung „Blood and Honour“ und verfolgt die Strategie des „führerlosen Widerstands“. Sie propagieren Mordanschläge auf politische Gegner*innen – der Mord an Walter Lübcke würde durchaus in dieses Konzept passen. Dortmund hat sich in den letzten Jahren zu einem Hotspot im Netzwerk der Rechtsterrorist*innen entwickelt.

Mehrere Mitglieder von C18 wohnen in Dortmund und sind hier politisch aktiv. Robin Schmiemann, der länger inhaftiert war, weil er bei einem Überfall auf einen Supermarkt auf einen Kunden schoss und ihn schwer verletzte, lebt in Dortmund. Schmiemann war Teil einer C18-Zelle, die Mitte der 2000er Jahre in Dortmund aktiv war, und bekennt sich bis heute mit T-Shirts und Tattoos zu der Gruppierung. Er nimmt regelmäßig an den Demonstrationen der Partei „Die Rechte“ teil – die Leute, mit denen zusammen E. die Dortmunder DGB-Demo angriff. Beim letzten Dortmunder Aufmarsch am 25. Mai hatte er die zweifelhafte „Ehre“, vor Beginn des Marsches eine EU-Fahne auf der Straße auszubreiten, über die die Teilnehmer*innen dann hinüberliefen. Schmiemann wurde überregional als Brieffreund des NSU-Mitglieds Beate Zschäpe bekannt. Er gilt als rechte Hand des britischen „Blood and Honour/Combat 18“-Anführers William Browning, der 2016 bei einem Großaufmarsch der Naziszene in Dortmund zu Gast war und mit Schmiemann zusammen an der Demonstration teilnahm.

Eng verbunden mit Combat 18 ist die Dortmunder Band „Oidoxie“, die den Soundtrack für Rechtsterrorist*innen und solche, die es gerne wären, schreibt. Sänger Marco Gottschalk, der in dem Song „Terrormachine Combat 18“ davon singt, dass sie „für die Nation kämpfen“ und die „Städte sauberhalten“ wollen, ist ebenfalls eine wichtige Figur in der Dortmunder Naziszene. Aus den Fans seiner Band rekrutierte sich die Dortmunder C18-Zelle um Schmiemann. Bei Demonstrationen unterstützt er „Die Rechte“, zuletzt fuhr er am 25. Mai den Lautsprecherwagen. Innerhalb von C18 hat er – ähnlich wie Schmiemann – eine hervorgehobene Rolle inne. Seine Band gilt als Sprachrohr der rechtsterroristischen Organisation, (inter-)nationale Konzertauftritte dienen der Vernetzung der Neonazis und gehen nicht selten mit internen Treffen einher. Die Neustrukturierung von C18 wurde im Jahr 2012 in Schweden im Rahmen eines Konzerts beschlossen, bei dem folgerichtig auch Gottschalk und seine Band auf der Bühne standen. Bereits in der Vergangenheit wurden über das Umfeld von „Oidoxie“ nach Informationen der Rechercheplattform EXIF auch Waffen in die deutsche C18-Szene geschleust. Auch die Verstrickungen von Gottschalk, „Oidoxie“ und ihrem Umfeld in Dortmund und Kassel in die dortigen Morde des NSU sind bis heute nicht abschließend geklärt.

Kim Schmidt von der Autonomen Antifa 170 resümiert: „Es wird sich zeigen, ob E. tatsächlich der Mörder von Walter Lübcke ist. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, muss geprüft werden, ob Dortmunder C18-Mitglieder am Mord praktischen Anteil hatten. Ideologisch ist die Tat genau das, was Schmiemann und Gottschalk seit bald über zwei Jahrzehnten propagieren. Nicht zuletzt muss auch erneut die Frage gestellt werden, warum dieses Netzwerk bewaffneter, gewalttätiger Neonazis weiterhin weitestgehend unbehelligt agieren kann.“

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